Kraftströme. Hydroenergetik bei Sigmund Freud und in Fëdor Gladkovs Ėnergija

Elisa Purschke
Ludwig-Maximilians-Universität München

Datum
25. Juni 2018
16:30 Uhr

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N.N.: Dneprostroij. (um 1930)

Im Zeichen von Lenins emblematischer Losung „Kommunismus – das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung“ grundieren energetische Konzepte bekanntlich maßgeblich den politischen, technologischen und ästhetischen Modernisierungsprozess der frühen Sowjetunion. Im Anschluss an die „industrial imagination“ (McCauley 1998), die sich in den 1920er Jahren um den Topos der Fabrik ausbildet, entsteht in der Zeit des ersten Fünf-Jahr-Plans eine „Wasserkultur“ (Papernyj 1994) um eine der Leitressourcen und –tropen der sowjetischen Industrialisierung: Hydrobaustellen und Kanalprojekte werden zum medial kolportierten und literarisch reflektierten Schauplatz gesellschaftlicher, ökonomischer und zugleich libidinöser Energetiken. Das dabei Raum gewinnende liquidale Imaginationsfeld wird einerseits zum Medium von Konzeptualisierungen des sowjetischen Aufstiegs zum „hydraulischen Regime“ (Wittfogel 1957; Gestwa 2010). Zugleich aber, so die Ausgangsbeobachtung dieses Vortrags, zeigt sich in ihm ein Wissen um Prozeduren der Verdrängung, Hemmung und Stauung eines individuellen wie kollektiven Libidinösen aufgehoben.

Diesen ambivalenten imaginativen Besetzungen des Wassers soll in einer doppelten Perspektive nachgegangen werden. Einerseits wird der komplizierte epistemologische Status des Wassers in psychoanalytischen Schriften Freuds rekonstruiert, dessen Theoretisierungs- und Bildgebungsversuche der Psyche als „Apparat“ von hydromechanischen Druck- und Gegendruckverhältnissen und hydrotechnischen Figuren der Dämmung und Drainage, aber auch von mythopoetischen Denkfiguren elementarer Kraftbewegungen geprägt sind. In einer Lektüre von Fëdor Gladkovs Ėnergija (1933) soll zweitens dessen Durchsetzung mit einem hydrologischen Imaginären herausgearbeitet werden, das zugleich an Mobilisierungs- und Aufbaunarrativ partizipiert, wie es in Gegenbildern des Strömens, Stauens und Sickerns verdrängte Anteile eines kollektiven wie individuellen Unbewussten an die Oberfläche bringt. Das Bildmilieu des Wassers wird zwischen Psychoanalyse und Produktionspoetik zum Reservoir ambivalenter Energiekonzepte, deren (wissens-)poetische Konsequenzen für die Bauarten des psychoanalytischen Theoriegebäudes und der sozrealistischen Romanarchitektur der Vortrag untersuchen möchte.