“entangled lines of force” Energetische Skripturen der Moderne

Prof. Susanne Strätling
Universität Potsdam

Datum
26. Juni 2018
12:15 Uhr

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Wassili Kandinsky. Aus: Von Punkt und Linie zu Fläche. (1926)

Während die enge Assoziation von Sprache und Energie im medienphilosophischen Diskurs unter dem Label „Sprachenergie“ einen festen Platz beansprucht, kann selbiges für die Beziehungen von Schrift und Energie nicht behauptet werden. Vielmehr basieren sprachenergetische Konzepte nicht zuletzt auf einem phonozentristischen Exklusivitätsanspruch der Energie: Es ist das gesprochene Wort, dem enérgeia zukommt, nie aber das geschriebene.

Um 1900 wird diese klare Zuordnung zunehmend aufgelöst. Auslöser dafür ist die Entdeckung der Linie als Kraftkurve. Schrift wird damit nicht nur als phonographisches, sondern als skriptographisches Notationssystem zu einem Feld der Energiedebatte. Oder anders gesagt: Schrift wird nun zum Energieträger. Der Vortrag verfolgt diesen medienhistorischen Umbruch in typographischen (Lissitzky), lineistischen (Rodčenko) und literarischen (Gor’kij) Entwürfen der 1920er und 1930er Jahre.
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