Engramm, Entladung, Übertragung: Herausforderungen eines Konzepts der rhythmischen Form

Prof. Dr. Georg Witte
Freie Universität Berlin

Datum
26. Juni 2018
09:30 Uhr

Foto
Aleksandr Rodčenko: Gehende Figur. (1928)

Der Rhythmusdiskurs der Moderne ist engstens verbunden mit dem energetischen Paradigma. Nicht nur die genuin energetische Vorstellung des rhythmischen „Impulses“ (Andrej Belyj, Osip Brik u.a.) als Auslöser transformativer Prozesse in Tanz und Vers ist hier von Belang. Zur Diskussion stehen vielmehr weitreichende Konsequenzen für die Bestimmung des Verhältnisses von Rhythmus und Form. Mit dem Denken materialer und psychischer Prozesse in der Spannung von „Aktivitäten und Widerständen“ (Aleksandr Bogdanov u.a.), zumal mit der Hervorhebung der solchen Prozessen unterliegenden Periodizität, stellt sich die Frage nach der Bestimmung des Verhältnisses zwischen energetisch induzierter Erregung und deren „Abdruck“ oder „Prägung“. Das Konzept der Prägung, wie es etwa durch Aby Warburg in die Kunsttheorie kam, verdankt sich wiederum einer energetischen Theorie des Gedächtnisses: In Richard Semons Konzept des „Engramms“ tritt die Koppelung der „Form“ an „Energie“ in aller Deutlichkeit zutage. Symbole und Formen, so Semon, sind nichts anderes als „Energiekonserven“. Die rhythmische Qualität dieser prozessualen, sich entwickelnden, sich verändernden, sich festigenden und wieder auflösenden, tiefengespeicherten und okkasionell re-evozierten Energie/Form-Komplexe bestimmt ihren „chronogenen“ und „phasogenen“ Charakter. Schließlich sind es die ebenfalls dezidiert energetischen Konzepte von „Entladung“ und „Übertragung“, die sowohl den produktions- als auch den perzeptions- und rezeptionsästhetischen Diskussion rhythmischer Formen bestimmen (Vladimir Majakovskij, Andrej Belyj, Sergej Bernštejn u.a.).