Die revolutionäre Energie und das Dogma des Materialismus

Dr. Konstantin Kaminskij
Humboldt-Universität zu Berlin

Datum
26. Juni 2018
13:30 Uhr

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N.N.:

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte die materialistische Erkenntnistheorie einen erheblichen Einfluss auf die methodische Ausdifferenzierung naturwissenschaftlicher Disziplinen, den Säkularisierungsprozess europäischer Gesellschaften und Konsolidierung der marxistischen Philosophie. Die von der dialektischen Entwicklung des Materialismus beförderten wissenschaftlichen Revolutionen stellten um 1900 diesen selbst in Frage. Lenins prominent gewordene Verteidigung des dialektischen Materialismus trug allerdings zu seiner dogmatischen Verhärtung bei.

Von dieser Grundthese ausgehend soll im geplanten Konferenzbeitrag die Ideengeschichte des Materialismus als einer revolutionären Philosophie nachgezeichnet werden. Besondere Aufmerksamkeit soll dabei dem Widerstreit der Konzepte ‚Materie’ und ‚Energie’ gezollt werden. Die betont antimaterialistischen Implikationen des energetischen Weltbildes, wie sie vor allem (aber nicht ausschließlich) bei Ostwald auftreten, erweisen sich vor allem im Kontext der energetischen Revolution als äußerst brisant, die in Sowjetrussland mit dem GOELRO-Plan angestrebt wurde. Abschließend wird im Rahmen des Vortrags die Frage erörtert, wie der unterschwellige Widerstreit zwischen Materialismus und Energetismus in den sowjetischen Wissenschaften der 1960er Jahre die Entwicklung innovativer Erkenntnismethoden begünstigte.